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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Vom Steinkreuz im Steigerwald

Nicht weit vom Waldschlösschen auf der Wagd steht ein altertümliches Steinkreuz. Die jetzige Kunststraße führt östlich daran vorüber. Der Graben trennt es von der Straße und das Gebüsch verbirgt es im Sommer dem Auge des Wanderers. Einst war die Arnstädter Straße sehr breit, und das Kreuz stand mitten darauf. Es ist auf ihm in lateinischer Großschrift geschrieben, aber schwer zu lesen: „Hic est occisus magister Henricus de Sybeleiben sacerdos" (Hier wurde getötet der Priester Magister Heinrich von Siebleben). An der anderen Seite des Kreuzes sieht man die Gestalt eines Geistlichen, der mit einer Kutte beleibt ist, in kniender Stellung.

Tatsächlich hat an dieser Stelle Graf Heinrich von Schwarzburg 1323 den Stiftsgeistlichen der Severikirche Heinrich von Siebleben getötet. Weshalb es geschah ist nicht überliefert; das Kreuz scheint zur Sühne des Mordes errichtet zu sein. -

Aber die Einbildungskraft des Volkes hat sich des merkwürdigen Denkmals bemächtigt und erzählt sich folgendes:

Am 19. Juni 1472 wurde die Stadt Erfurt von einem „großen Brande" heimgesucht. Viele glaubten, als sie das ungeheure Feuermeer sahen, es sei als ein Strafgericht die Flammen Gottes die Flammen aus der Erde geschlagen. Andere meinten, die Feinde der Stadt hätten die Brunst anstecken lassen. Man wollte einen verdächtig aussehenden verkommenen Mönch gesehen haben, der während des Brandes, durch das Löbertor flüchtend, das Weite suchte. Man eilte ihm nach, – da saß er auf der Höhe des alten Steigers und weidete sich an dem gewaltigen Flammenmeere. Als er die Leute kommen sah, entfloh er, wurde aber an der Stelle, wo jetzt das Kreuz steht, gefangen genommen und zur Stadt gebracht. Er war ein, aus dem Kloster Schulpforta entlaufener Zisterzienser Mönch namens Dietrich Becker oder Burkadi. Bei der Verhandlung gab er zu, dass der Feind der Stadt Apel Vitztum ihn um Geld gedungen habe, den Brand anzulegen und die Stadt zu verderben. Seiner geistlichen Würden entkleidet, sollte der Mönch für seinen Frevel den Feuertod erleiden, und zwar an der Stelle, an der man ihn ergriff; - zum immerwährenden Gedächtnis habe man daselbst das Kreuz errichten lassen.

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Überlieferungen gefunden in:

Schulrat Dr. Kürsten/ Rektor Leineweber (Hrsg.): O du Heimatflur. Eine Heimatkunde der Stadt Erfurt in Einzelschriften. Heft 1. Erfurter Sagen, Kenser´sche Buchhandlung Erfurt (ca. 1940) 

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