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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Von der Uhr auf dem Nikolai – Turme

Von der Uhr auf dem Nikolai – Turme

An der Lehmannsbrücke erhebt sich ein hoher schlanker Turm, an dessen Dache man zwei Glocken gewahrt. Die größere dieser Glocken zeigte einst die Stunden an und wurde von der Hand des Türmers besorgt, während die kleinere mit der Turmuhr in Verbindung stand und ein viertel, halb und drei viertel, aber niemals voll schlug. Das hat sich das Volk so erklärt:

Vor alten Zeiten ging es einmal in der guten Stadt Erfurt recht unruhig zu. Das Volk war den Patriziern aufsässig, und es war große Feindseligkeit zwischen dem Rat und der Gemeinde. Da kam es soweit, dass die Bürger des Johannes- und Andreasviertels sich verschwuren, in einer Nacht schlag 12 Uhr die Junker zu überfallen und sie zu ermorden. Schon waren die bewaffneten Scharen in der Nähe der Nikolaikirche versammelt und warteten mit Ungeduld des Glockenschlages; aber sie warteten vergebens. Der verabredete Überfall war den Gegnern verraten worden, und sie hatten nicht nur die Uhr angehalten, sondern auch alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, dem Angriffe zu begegnen. Zum Andenken daran ließ der Rat die Turmuhr verändern, dass sie nie mehr voll schlug.

 

***

Fotos: T. Romstedt

Überlieferungen gefunden in:
Schulrat Dr. Kürsten/ Rektor Leineweber (Hrsg.): O du Heimatflur. Eine Heimatkunde der Stadt Erfurt in Einzelschriften. Heft 1. Erfurter Sagen, Kenser´sche Buchhandlung Erfurt (ca. 1940)

 

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