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Weihnachten

Ein Fest der Familie und des Friedens

Florian Russi, Herbert Kihm (Hg.)

Alle Jahre wieder feiern wir das Weihnachtsfest im Kreise unserer Familie und lassen althergebrachte Traditionen in familiärer Atmosphäre aufleben. Doch wo hat das Fest seinen Ursprung, warum feiern wir Weihnachten und woher stammt der Christbaum?

Das liebevoll gestaltete Heftchen gibt Auskunft hierüber und enthält zudem eine kleine Sammlung der bekanntesten Weihnachtslieder. Des Weiteren Rezepte laden zum Kochen und Backen ein.

Ode anlässlich der Ehrung mit der Dichterkrone...

Ode anlässlich der Ehrung mit der Dichterkrone...

Sidonia Hedwig Zäunemann

Sidonia Hedwig Zäunemann gestaltete die kulturelle Landschaft Erfurt maßgeblich mit. Nicht nur ihre kritischen Verse über eine von Männern geprägte Gesellschaft, sondern auch ihre Oden und Gedichte über historische Ereignisse, wie den verheerenden Brand in Erfurt im Jahre 1736, in dem fast 200 Erfurter Wohnhäuser ausbrannten, prägen ihre Werk.

Im Jahre 1738 wurde sie, trotz ihrer unkonventionellen Art, mit der sie nicht selten aneckte, mit der begehrten Dichterkrone geehrt und erhielt die Titel „poeta laureata". So folgte sie ihrem Vorbild Christiana Mariana von Ziegler, die als erste Frau diesen Titel erhielt.

Die Verleihung der Dichterkrone geht auf eine antike Tradition zurück: Derjenige, der einen Dichterwettstreit gewann, wurde mit einer aus Lorbeer gefertigten Krone bekränzt. Daher die Bezeichnung „poeta laureatus" – Lorbeerbekränzter Dichter – bzw. „poeta laureata" – Lorbeerbekränzte Dichterin. In der Antike war diese dauerhafte Auszeichnung die ruhmreichste. Im Laufe der Zeit aber verlor die Ehrung an Bedeutung. Und im 18. Jahrhundert bestand auch von Seiten der Dichter kaum noch Interesse an dieser Ehrung, die hauptsächlich von Universitäten vergeben wurde.

Dass aber Sidonia Hedwig Zäunemann in Nachfolge von Christiana Mariana von Ziegler diese Ehrung mehr als dankend entgegen nahm, hängt damit zusammen, dass sie vornehmlich dem männlichen Geschlecht vorbehalten wurde. Ermutigt durch diese Auszeichnung veröffentlichte sie im gleichen Jahr ihren Gedichtband „Poetische Rosen in Knospen". Und zum Dank, diese Ehrung als zweite Frau überhaupt erhalten zu haben, verfasste sie die folgende Ode.

Anette Huber-Kemmesies

Der Welt-berühmten Königlichen Academie Georg-Augusta stattet wegen Uberlieferung des ihr höchst-geneigt gewidmeten Poetischen Lorber-Kranzes durch einen Ihrer Hochansehnlichen Mitglieder, den Hochgebornen Grafen und Herrn, Herrn Heinrich XI. Reuß, des Heil. Röm. Reichs Grafen und Herrn von Plauen in Ober-Grätz etc. etc. ihre unterthänige Danksagung in nachstehender Ode ab

 

Erfurt, den 11. Jenner 1738.

 

Erlauchter Graf! so sucht dein Mund
Mich ausserordentlich zu grüssen?
Was machst du mir so reitzend kund?
Was läßt du mir anjetzo wissen?
Was legst du mir vor Schätze vor?
Hebt mich der Musen Gott empor?
Was soll die Hand von dir empfangen?
Hilf Himmel! ich erstaune ganz!
Du bringest mir den Lorber-Kranz,
Den Jungfern sonst nicht leicht erlangen.

 

Sonst meint das Männliche Geschlecht,
Die, welche Huth und Degen tragen,
Sie hätten nur allein das Recht.
Nach Weisheit, Kiel und Ruhm zu fragen,
Sie halten meistentheils dafür,
Sophia habe ihre Zier
Und Schmuck von ihnen bloß zu hoffen.
Sie bilden sich wohl öfters ein:
Es stünde der belaubte Hayn,
Nur ihnen ganz alleine offen.

 

Ja! ja er ist euch aufgemacht;
Ihr geht und steht auf seinen Stuffen;
Ihr seyd auf Geist und Witz bedacht;
Denn darzu hat man euch beruffen.
Ihr solt, und müßt euch um die Gunst
Minervens, und um Witz und Kunst
Nach Möglichkeit mit Ernst bemühen.
Man weiß und kennt auch euren Fleiß;
Man siehet auch zu euren Preiß
Um Haupt und Schlaf die Lorbern blühen.

 

Wir schätzen dieses Ehren-Kleid;
Wir gönnen euch die güldnen Rosen;
Nur aber trachtet nicht aus Neid
Uns aus der Musen-Zunft zu stosen.
Verlaßt nur diesen falschen Wahn,
Als gieng ihr Tempel uns nichts an.
Ihr könnt ja aller Orten lesen:
Daß uns die Musen auch geführt;
Daß mancher Lorber uns geziert,
Der eurem öfters gleich gewesen.

 

Zwar ist die Zahl der Frauen klein,
Die sich in Wissenschaft bestreben,
Und die mit Fleiß bemühet seyn,
Sich aus dem Staube zu erheben.
Ihr werthen Frauenzimmer auf!
Bestrebt euch! steigt dem Berg hinnauf,
Wo Phöbus herrscht, regiert und thronet;
Wo man in seinen Tempel geht,
Wo der gestirnte Pindus steht,
Und jenes Chor der Musen wohnet.

 

Auf! ringt nach Lorber, Kranz und Ruhm!
Wer will euch diesen Eifer wehren?
Dringt in der Musen Heiligthum,
Und singt denselbigen zu Ehren!
Nehmt Flöth und Cyther in die Hand,
Und zieret euer Vaterland,
Auf! rettet es von Schimpf und Schanden:
Zeigt Geist und Gluth, damit man nicht
Zum Nachtheil aller Frauen spricht:
Es ist kein weises Weib vorhanden.

 

Die Vorwelt hat so manches Weib
Von hohen Gaben dargestellet,
Das sich, o edler Zeit-Vertreib!
Minervens Söhnen zugesellet.
Geht! seht die kluge Laura an,
Die man in Purpur schauen kan,
Und die jetzt unsre Krone worden.
Begebt euch nur nach Sachsen hin;
Ziert nicht die muntre Zieglerin
Den schön und Lorberreichen Orden?

 

Ihr Vorbild hat mein Blut erhitzt,
Die Feder in die Hand zu nehmen;
Ihr Eifer hat mich unterstützt.
Wie solt ich mich der Weisheit schämen?
Die Musen labten meine Brust;
Ich find noch jetzo meine Lust
An ihren nettgestimmten Säyten.
Ich sing und spiele dann und wann,
Und bin zufrieden, wenn ich kan
Den Fuß zur Musen-Quelle leiten.

 

Ihr Väter von dem Lein-Athen!
Ihr Lehrer
dieser Hohen Schule!
Ihr
habt mein Eifern angesehn;
Ihr wißt wie ich um Phöbum buhle.
Ihr klugen Männer! kennt mein Rohr;
Jedoch, ich halte dieß davor,
Ihr schmeichelt mir und meinen Proben;
Ihr rühmt und lobt mein Saytenspiel
Aus edler Großmuth allzuviel;
Ihr habt mich gar zu sehr erhoben.

 

Als Griechenland im Flor noch war,
Und man noch dessen Spiele schätzte,
So stellten sich viel Kämpfer dar,
Weil jeder sich am Ruhm ergötzte,
Sie eiferten mit Müh und Schweiß;
Was war wohl ihr Gewinst, und Preiß?
Kein Gold; ein Kranz von grünen Blättern.
Der Ruhm der Kunst, der Kranz allein
War ihnen mehr als Gold und Stein;
Weil ihn kein Donner kan zerschmettern.

 

Berühmte Lehrer! Deutschland zeigt,
Wie viele sich zum Pindus wagen;
Sie sind zum Kampf und Streit geneigt,
Um Ehren-Kränze wegzutragen.
Elysien und Sachsen weiß,
Wie eifrig man um Ruhm und Preiß,
Um Kranz und Zweig bisher gerungen.
Wer diese kennt, der siehet auch,
Wie würdig sie den Lorberstrauch
Verdient, den sie durch Fleiß erzwungen.

 

Ihr pflegt auf Eurem Musensitz
Gelehrten Eifer zu belohnen,
Die Meister von Verstand und Witz
Umlaubet Ihr mit Ehren-Kronen.
Ihr schmückt die Schläfe mit dem Huth,
Auf welchem Ruhm und Purpur ruht!
Ihr sucht der Dichter Haupt zu krönen.
Ihr Hocherfahrne Männer! ziert
Nur den, dem Kranz und Schmuck gebührt;
Aus euren klug und muntern Söhnen.

 

Allein, was nehmt Ihr jetzo für?
Was ists, das ich von Euch erfahre?
Ihr schenkt mir eine seltne Zier,
Und schmücket meine jungen Haare,
Ihr setzt mir Kranz und Lorber auf;
Ihr krönet mich;
was folgt hierauf?
Ihr schickt mir Briefe, Hand und Siegel.
Georg-Augusta
ist bedacht,
Daß sie mich groß und ewig macht;
Sie führet mich zum Ehren-Hügel.

 

Ihr weisen Väter! hab ich wohl
Dergleichen hohe Pracht verdienet?
Ihr führet mich zum Ehren-Pol;
Ich seh, wie schön der Lorber günet.
Ganz Teutschland weiß ein einzig Haupt,
Daß man mit solchem Schmuck umlaubt;
Hier muß ich die von Ziegler nennen.
Und gleichwohl stimmt Ihr überein,
Ich soll nunmehr die andre seyn;
Wie werd ich dieß erwiedern können

 

So glückts dem Weiblichen Geschlecht
Das nach der edlen Weisheit trachtet;
Ein Blat von ihrer Hand wird recht
Als was besonders hochgeachtet.
Die Großmuths-volle Höflichkeit
Ists bloß, die mir den Lorber beut;
Ich habs dem Glücke zuzuschreiben.
Und darum acht ich das auch nicht,
Was ein vergällter Midas spricht;
Die Ehre wird mir dennoch bleiben.

Verfechtet, was Ihr jetzt gethan!
Vertheidget, was Ihr unternommen;
Ich leg indes den Lorber an,
Den ich von Eurer Hand bekommen.
Georg-Augusta träget mir
Ein köstliches Geschenke für.
Ihr ausserordentlich Bezeigen;
Der überbrachte Musen-Kranz
Verstöhret meine Sinne ganz,
Und heißt mich wider Willen schweigen.

 

Nehmt kluge Männer! dieses Blat
Zur Dankbarkeit von meinen Händen.
Wenn einst mein Geist mehr Kräfte hat,
Wird er Euch auch was bessers senden.
Ich danke Euch vor diesen Preiß,
Und vor das grüne Lorber-Reiß,
Das Ihr mir Großmuths-voll gesendet.
Erlauchter Graf! ich danke Dir
Auch vor die Ehre, die Du mir
Durch Deinen Umgang zugewendet.

 

 

 

(Quelle: Sidonia Hedwig Zäunemann: Poetische Rosen in Knospen, Erfurt 1738)