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Astrid Koopmann/ Bernhard Meier
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Christian Reichart

Christian Reichart

Anette Huber-Kemmesies

Ein Denkmal für Christian Reichart ziert die Grünanlage am Flutgraben in Erfurt.
Ein Denkmal für Christian Reichart ziert die Grünanlage am Flutgraben in Erfurt.

Erfurts Beiname als „Blumenstadt" verdankt die Stadt, neben dem dänischen Pflanzen- und Blumenzüchter Chrestensen, dem Erfurter Sohn und Ratsherren Christian Reichart (1685–1775). Er war der Wegbereiter des modernen Erwerbsgartenbaus in Erfurt.

Die kurmainzische Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert, durch die Erfurt wesentliche wirtschaftliche Einbußen erfuhr, die unter anderem der Statthalter Boyneburg versuchte zu beheben, gab den Rahmen für das Wirken Reicharts vor. Da Reichart ein Mitglied der sogenannten „Merkantilkommission" war, konnten Wirtschaft und Handel schnell gestärkt werden. Die Anordnungen der Regierung zur Steigerung der Produktion durch die besondere Pflege der Gärten, die Reichart vermutlich diktierte, war wegweisend für den wirtschaftlichen Aufschwung. Infolge des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) und der Fremdherrschaft Napoleons erfuhr die kapitalistische Produktion zwar Rückschläge, doch konnten die geschaffenen, zur Tradition gewordenen Ansätze weiter verfolgt werden.

Es war ein eher unglücklicher Zufall, der Christian Reichart auf den Weg des Gärtenbauers führte. Er entstammte einer wohlhabenden und einflussreichen Erfurter Familie, die Ländereien von ansehnlichem Ausmaß besaß. Der junge Reichart studierte Jura und trat eine politische Laufbahn an. Ab 1716 wirkte er im Erfurter Stadtrat mit und erreichte durch Engagement und seine vertrauensvolle Art schnell Positionen.

Den Eingang der Reichartstraße ziert das Reicharthaus.
Den Eingang der Reichartstraße ziert das Reicharthaus.

Der Schlaganfall seines Stiefvaters Christoph Engelhardt im Jahre 1720 stellte Christian Reichart vor neue Aufgaben. Plötzlich hatte er, der zu diesem Zeitpunkt nichts von Garten- und Ackerbau verstand, sich um die Ländereien zu kümmern. Ehrgeizig stellte er sich dieser Aufgabe. Akribisch notiert er sich Fragen zu Ökonomie und Anbau, die ihm der Stiefvater stets beantwortete. So entstand ein umfangreiches Lehrbuch, welches ihm bei seinem Weg zum erfolgreichen kommerziellen Gartenbau half. Engelhardt ermutigte seinen Stiefsohn stets und lobte seine autodidaktischen Fähigkeiten. Bald schon kannte er sich mit Urbarmachung, Schädlingsbekämpfung  und der Akklimatisierung von Samen aus. 

Sein Beitrag in Johann Kniphofs Kräuterbuch war ein weiterer wesentlicher Verdienst. Und auch die erstmalige Kultivierung der Brunnenkresse in Erfurts Dreibrunnen-Gebiet ist ihm zu verdanken.

Inschrift am Reichardthaus in Erfurt.
Inschrift am Reichardthaus in Erfurt.

Durch die Einführung von Blumenkohl, welcher bisher aus dem Ausland importiert wurde, eröffnete sich ein neuer Absatzmarkt. Reicharts Bestrebungen, den Ertrag durch den Gemüseanbau zu optimieren, setzte eine intensive Weiterbildung auf dem Gebiet der Samenzucht voraus, der er sich widmete. Doch nicht nur optimale Samen, sondern auch Methoden, Arbeitsbedingung und Geräte versuchte der erfolgreiche Agrarökonom zu verbessern. Beispielsweise entwickelte er die Stachelwalze zum Auflockern der Erde, ähnlich einer Egge.

Doch widmete sich Reichart nicht nur der Gemüse-, sondern auch der Blumenzucht, deren Erzeugnisse zum Kauf angeboten wurden. Die Nachfrage nach den Gemüseprodukten und Zierpflanzen stieg, und so auch die nach seinen „Produktionsgeheimnissen", die Reichart gerne mit anderen teilen wollte. Dies wurde von vielen Konkurrenten und Neidern missbilligt, die versuchten, den Gärtner in Misskredit zu bringen: Seine fachliche Kompetenz wurde ob der autodidaktischen Ausbildung in Frage gestellt. Reichhart aber war bescheiden und beschrieb seine Kenntnisse, die man als sehr umfangreich bezeichnen könnte, als „geringe Wissenschaft", wohl auch um so den Neidern zu trotzen.

Christian Reichart war ein vielseitiger wissbegieriger Mensch, doch hatten seine Erkenntnisse auch ihre Grenzen. So glaubte er beispielsweise nicht an die Befruchtung der Pflanzen durch Blütenstaub, sondern hielt diesen für natürliche Ausdünstungen der Pflanze, verursacht durch die Sonne, die den austretenden Saft trockne. Aber dennoch gilt Reichart, auch international, als Wegbereiter des modernen Erwerbsgartenbaus, nicht zuletzt durch seine Uneigennützigkeit, sein Wissen teilen zu wollen.

 


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(Quelle: Sonderhaft aus Anlaß des 300. Geburtstages von Christian Reichart: Veröffentlichungen des Naturkundemuseums, Rat der Stadt Erfurt/ Museen der Stadt Erfurt/ Wissenschaftliche Allgemeinbibliothek Erfurt/ Internationale Gartenbauausstellung der DDR 1985)

Fotos: Tina Romstedt