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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Vom Fischmäuerlein

Vom Fischmäuerlein

Kaiser Rudolph von Habsburg verweilte fast ein Jahr in Erfurt von 1289 bis 1290. In diesen zwölf Monaten tat er sich beim einfachen Volke als großzügig und gerecht hervor. Er zerschlug die Burgen der Raubritter in Thüringen und befreite die Bürger des Landes von diesen Unruhestiftern.

Während seines Aufenthaltes in Erfurt soll er selbst Gericht gehalten haben. Dabei ließ er – so kann man es deuten – ein Exempel auf dem Fischmarkt statuieren, indem er die vornehmen Räuber Köpfen, ihre Leiber auf dem Markt begraben und mit einer Mauer begrenzen ließ. Die Köpfe der Hingerichteten wurden aufgespießt und Blickten auf das heutige Gildehaus und die damalige Kämmerei. Dies kann als Mahnmal an die durch Gier geweckte Niedertracht gedeutet werden. Die Hinrichtung durch Enthauptung im Mittelalter wurde meistens bei Adligen vollzogen und galt einerseits als ehrenhaft. Andererseits aber wurde den Geköpften dem christlichen Glauben nach der Eintritt ins Jenseits erschwert oder ganz verwehrt, da nur ein unversehrter Leichnam dort aufgenommen wird. Und so war die Strafe doppelt schwer, denn einerseits wurden die Raubritter der adligen Tradition nach hingerichtet, aber ohne Kopf und somit unvollständig begraben.

„Während seines Aufenthaltes in Erfurt setzte sich Kaiser Rudolph öffentlich zu Gericht, [citirte] den Rat[h] und die Gemeinde, hörte beide T[h]eile und vertrug sich gütlich. Auf einer vor dem Rat[h]haus errichteten Bühne, die durch eine Brücke mit dem Rat[h]haussaale in Verbindung stand, ließ er acht der vornehmsten Meutemacher und deren Köpfe auf eiserne Nägel stecken, vier von oben über der Kämmerei und vier nach dem „Stölzel" oder „Wölfen" zu. Die Körper aber wurden auf dem Fischmarkt begraben und die Grabstätte mit einer Mauer umgeben, welche man das „Fischmäuerlein" nannte. Auch wurde daselbst eine Erztafel, auf welcher die Namen der Hingerichteten verzeichnet waren, mit vergraben. Die Mauer ist 1662 abgebrochen worden, die T[h]ür, die damals in den Rat[h]ssaal gebrochen wurde, war noch im Jahre 1830 zu sehen, aber von der erwähnten Tafel fand man bei Fundamentirung des neuen Rat[h]hauses nichts.
(Nach Falkenstein)"

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Quelle: Heinrich Kruspe: Sagenbuch der Stadt Erfurt, Gesamtausgabe von 1877

Vorschaubild: Hjördis Barth
Wappen: gemeinfrei

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