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Der spannungsreiche Lebensweg eines jungen Mannes, der seine Zeit kritisch reflektierte und politische Änderungen bewirken wollte und nebenbei die deutsche Literatur "modernisierte".

Kennst du Georg Büchner?
vorgestellt von Silvia Frank
ISBN 978-3-937601-87-8
12,80 EUR

Silvia Frank

Silvia Frank

Silvia Frank begeisterte sich schon früh für Theater und Literatur und sie wählte deshalb den Lehrerberuf, der die Möglichkeit bot, die eigene Begeisterung mit jungen Menschen zu teilen. Sie versuchte daher, Freude am Umgang mit Kunst und Literatur zu wecken.

Nach dem Studium der Fächer Deutsch und Geschichte in Leipzig arbeitete sie viele Jahre im Schuldienst und auch als Fachberaterin für Deutsch in Cottbus. Sie war Mitglied im Redaktionskollegium der Zeitschrift „Deutschunterricht“ und Mitherausgeberin und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Seminar: Lehrerbildung und Schule“. Ihre Dissertation verfasste sie zum Thema „Einsatz und Wirkung schöpferischer Schülertätigkeiten im Literaturunterricht“.

Seit mehr als 30 Jahren lebt sie nun schon in Erfurt, der Stadt, die ihr zur Heimat geworden ist. 2011 veröffentlichte sie ihr Buch „Kennst du Gerog Büchner?“ Es richtet sich an junge Leute, Schüler und Studenten. Darin gibt sie ihre Liebe zu dem Autor preis.

Tina Romstedt

 

Im Gespräch mit Frau Dr. Silvia Frank

 

Frau Frank, Sie sind in Berlin geboren und studierten in Leipzig. Was führte Sie nach Erfurt?

Seit 1980 lebe ich in Erfurt. Zum einen gab es für die Wahl damals einen pragmatischen Grund. In Erfurt wurden Lehrer gebraucht und unsere Familie erhielt eine Wohnung, noch dazu eine Neubauwohnung mit Fernheizung in der heute so geschmähten „Platte“. Allerdings waren wir damals sehr froh darüber. Zum anderen hatte ich Erfurt bei früheren Besuchen kennengelernt und war beeindruckt vom unzerstörten Altstadtcharakter, von den mittelalterlichen Gassen mit ihren Fachwerkhäusern, der Krämerbrücke, dem Augustinerkloster und ganz besonders faszinierte mich die Domanlage.

 

Was verbindet Sie heute mit dieser Stadt?

Erfurt war und ist für mich die schönste Stadt Deutschlands. Heute ist Erfurt meine Heimatstadt. Hier lebt ein Teil meiner Familie, hier habe ich Freunde, hier arbeitete ich mit kurzen Unterbrechungen in Leipzig und Weimar fast 25 Jahre. Hierher habe ich Kongresse geholt und selbst Gästen unsere Stadt ein wenig näher gebracht. Hier genieße ich die Kulturangebote und die wunderschöne Umgebung. Kurzum hier fühle ich mich zu Hause.

 

Im Bertuch Verlag Weimar haben Sie 2011 das  Buch „Kennst du Georg  Büchner?" herausgebracht. Wie stehen Sie zum Autor Georg Büchner? Was bedeutet er Ihnen? 

Während meiner Oberschulzeit organisierte ich für meine Klasse die Theaterbesuche. Ich war begeistert vom Theater und daher interessierten mich die dramatischen Werke unseres Lektürekanons in der Schule besonders. Als dann Büchners „Woyzeck“ behandelt wurde,  fand ich ihn großartig, weil er mit seinen 23 Jahren kühn genug war, den bis dahin gültigen  klassischen Dramenaufbau einfach zu ignorieren. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dass  mein Germanistikstudium mit dem Seminar  zu  „Dantons Tod“ begann. Jedenfalls ließ Büchner  mich nicht mehr los. Wie oft ich den „Woyzeck“ in den unterschiedlichsten Inszenierungen erlebt habe, kann ich heute nicht genau sagen. Ob in Berlin im „Deutschen Theater“ oder in Erfurt im Jugendtheater „Schotte“, in Weimar im „Stellwerk“ oder im „Neuen Schauspiel" in Leipzig, um einige zu nennen, ich entdeckte stets ein wenig mehr. Insbesondere im  Dramenfragment „Woyzeck“ fand ich Fragen, die mich damals und heute bewegen: Wie handeln Menschen in materiellen und seelischen Notsituationen? Wie gehen sie mit demütigenden Lebensumständen, Erfüllungszwängen, Liebesleid, Verrat etc. um? Die Büchner-Preisträgerin Christa Wolf hat in ihrer Dankesrede einen treffenden Satz zu Georg Büchners Bedeutung formuliert. „Büchner wieder lesen heißt, die eigene Lage schärfer sehen.“

 

Das Buch „Kennst du Georg Büchner?“ richtet sich vor allem an junge Leser. Es will Schülern und Studenten  einen Zugang zu diesem Autor vermitteln. Ist es im Computer-Zeitalter  schwerer,  junge Menschen für Literatur zu interessieren?

Nach eigener Erfahrung bei  Lesungen meines Buches vor Schülern müsste ich die Frage angesichts des Interesses, das Büchner entgegen gebracht wurde, verneinen. Doch ich weiß auch, wie Deutschlehrer angesichts der Vielfalt von Freizeitangeboten sich mühen müssen, Leseinteresse über „Harry Potter“ hinaus zu wecken und Schüler an Werke früherer Epochen heranzuführen.

 

Wie kann man es dennoch schaffen, junge Menschen für die Literatur früherer Zeiten zu interessieren?  Was können Sie Deutschlehrern mit auf den Weg geben?

Im Mittelpunkt des Literaturunterrichts steht ja bekanntlich die Auseinandersetzung mit  Autoren und ihren Werken. Ich denke, dass der Wert dieser Auseinandersetzung dem Schüler oft verborgen bleibt, ihm nicht bewusst wird, dass  er vielschichtiges  heute gültiges menschliches Verhalten in Werken aus vergangenen Epochen erlebt und auf der Grundlage des Textes zu beurteilen lernt. Durch verschiedenartige Tätigkeiten erwirbt er Fähigkeiten, die unterschiedlichsten Motive des Handelns von Menschen zu erkennen und zu beurteilen. Das halte ich neben der Freude beim  Nachdenken, etwas für sich persönlich Bedeutsames zu entdecken, für unverzichtbar, ebenso den Spaß am Text und das eigene Nachdenken mit anderen zu teilen. Dabei gilt es insbesondere, die Kunst- und Lebenserfahrung  der Schüler zu bedenken. Verbunden damit ist der Erwerb grundlegender Kenntnisse, denn je mehr er weiß, desto mehr sehe und versteht er. Dabei geht es nicht um Kenntnisse, die ins Erstsemester eines Germanistikstudiums gehören.

 

Was kann Georg Büchner jungen Menschen heute noch geben, wo kann er Vorbild sein?

Ich vertraue dem jungen Leser, dass er das selbst herausfindet. Ich könnte ohnehin nur für mich sprechen. Aber das habe ich bereits mit meinem Buch versucht.

 

Vielen Dank Frau Dr. Frank für das Interview!