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London kommt!

Pückler und Fontane in England

Klaus-Werner Haupt

Hardcover, 140 Seiten, 2019

Im Herbst 1826 reist Hermann Fürst von Pückler-Muskau erneut auf die Britischen Inseln, denn er ist auf der Suche nach einer vermögenden Braut. Aus der Glücksjagd wird eine Parkjagd, in deren Folge die Landschaftsgärten von Muskau und Branitz entstehen. Auch die Bewunderung für die feine englische Gesellschaft wird den Fürsten zeitlebens begleiten.

Theodor Fontane kommt zunächst als Tourist nach London, 1852 als freischaffender Feuilletonist, 1855 im Auftrag der preußischen Regierung. Seine journalistische Tätigkeit ist weitgehend unbekannt, doch sie bietet ein weites Feld für seine späteren Romane.

Die vorliegende Studie verbindet auf kurzweilige Art Biografisches mit Zeitgeschehen. Die Erlebnisse der beiden Protagonisten sind von überraschender Aktualität.

Doktor Faust als Universitätsgelehrter

Doktor Faust als Universitätsgelehrter

Er wohnte in der Michaelsgasse, nahe dem großen Kollegium, darin er selbst Kollegia las, den Studenten den Homer erklärte und die Geister homerischer Helden ihnen vor Augen stellte und zuletzt den greulichen Riesen Polyphemus, vor dem alle erschrocken und davongelaufen.


Mit diesen Worten überliefert Ludwig Bechstein (1801–1860) in seinem Deutschen Sagenbuch die Geschichte von dem Gelehrten, der angeblich mit dem Teufel im Bunde stand. Eine andere Quelle mit unbekannten Autor schildert die Begebenheit wie folgt:

Doktor Faust stand zu Erfurt in großem Ansehen. Sooft er die Stadt aufsuchte, pflegte er auf der Hohen Schule zu lesen. So erklärte er den Studenten einmal auch den großen griechischen Dichter Homer und beschrieb ihnen die Helden seiner Dichtung in Gestalt, Gebärden und Gesicht so genau, dass die Studenten große Lust verspürten, die erwähnten Personen leibhaftig zu sehen. Auf ihre Bitte versprach Faust, ihnen in der nächsten Vorlesung die Helden persönlich vorzustellen. Die Folge davon war, daß sich das nächstemal ungewöhnlich viele Studenten im Hörsaal einfanden. Als Faust die Menge der Zuhörer sah, begann er:

„Ihr lieben Studenten, ihr seid, wie ich weiß, aufs höchste begierig, die berühmten Helden der griechischen Sage, wie sie der Dichter Homer beschrieben hat, persönlich kennenzulernen. Ich will sie euch also jetzt in der Gestalt entgegentreten lassen, in der sie vor mehr als zweitausend Jahren gelebt haben."

Kaum hatte er seine Worte beendet, so traten die Helden sogleich in ihrer seinerzeit üblichen Rüstung nacheinander in den Saal, sahen sich mit zornigen und grimmigen Augen lebhaft forschend nach allen Seiten um und verließen dann wieder den Raum. Bald darauf erschien der greuliche Riese und Menschenfresser Polyphem, der an der Stirn nur ein Auge hatte und einen langen, zottigen feuerroten Bart trug. Ein Mensch, den er noch nicht ganz verzehrt hatte, hing ihm mit dem Schenkel zum Maul heraus.

Über die Schreckenswirkung musste Faust lachen, und er ängstigte die Studenten noch dadurch, daß Polyphem nicht wieder zur Tür hinaus wollte, sondern sich mit seinem schrecklichen Gesicht umsah und die Hände ausbreitete, als ob er nach etlichen greifen und noch mehr Menschen verschlingen wolle. Der Riese trug auch einen ungeheuren Spieß, groß wie ein Weberbaum, den stieß er wider den Erdboden, daß der ganze Saal erschüttert wurde. Faust aber winkte ihm mit dem Finger, da trat er hinaus, und damit beschloß der Doktor seine Vorlesung.

Die Studenten aber waren mehr als zufrieden, hatten sie doch Grässliches genug gesehen, und verlangten von Doktor Faust nie mehr eine solche Erscheinung.

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