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NEU Leben & Tod 2015.1
Zeitschrift "Leben & Tod"
1. Ausgabe 2015
Pflege ist Leben

2060 wird in Deutschland jeder Dritte 65 oder älter sein, jeder Zweite wird im Schnitt irgendwann pflegebedürftig. Deshalb nimmt diese Ausgabe das Thema Pflege unter die Lupe. Ob zu Hause oder im Heim, beim Thema Pflege tauchen viele Fragen auf.

 

Auf den Spuren des Besetzten Hauses

Auf den Spuren des Besetzten Hauses

Florian Karsubke

Wer durch die Innenstadt Erfurts streift, und wessen Blick ab und an unwillkürlich auch an den Graffitis und Sprüchen auf den Häuserfassaden hängen bleibt, dem werden sicherlich zwei dominante Parolen aufgefallen sein: „Wir bleiben alle!", sowie „Besetztes Haus bleibt". Vielleicht sind Sie als Tourist unterwegs und fragen sich, was es mit diesen Spuren überhaupt auf sich hat; vielleicht sind sie Erfurter Bürger, und dennoch erinnern Sie sich nur noch dunkel an die damaligen Ereignisse. Ich selbst kam 2008 nach Thüringen, und habe erst spät vom Besetzten Haus wirklich Notiz genommen, zu einer Zeit, da es bereits geräumt und abgerissen war. Und erst heute, wiederum einige Jahre später, erahne ich die Bedeutung, die in den unscheinbaren, oftmals übersehenen Graffitis nachklingt und die sich hierin erhalten konnte. Welche Spur ist es also, die sich noch heute so manifest im Stadtbild offenbart und die auch mich zu einer Suche anleitet?

Einerseits stehen die Parolen für einen verlorenen Kampf, in dem viel auf dem Spiel stand: Die Anerkennung und der Erhalt eines antifaschistischen, selbstverwalteten Freiraumes, der sich deutlich der Verantwortung bewusst war, die Geschichte des besetzen Ortes, des ehemaligen Unternehmens Topf & Söhne, aufarbeiten zu müssen.

Von 2001 bis 2009 wurde das ehemalige Unternehmensgelände umfassend als links-autonomes Zentrum genutzt. Hierzu wurden Führungen über das Ruinengelände angeboten, es gab Vorträge und Informationsveranstaltungen, es wurden ferner Aktionen gegen Rassismus, Antisemitismus, Kapitalismus, Sexismus und Homophobie geplant und umgesetzt; überdies fungierte das Besetzte Haus als Wohnraum und wurde für Konzerte, Filmabende und weitere kulturelle Veranstaltungen genutzt. Besonders diese Gleichzeitigkeit vom umfassenden Bewusstsein historischer/politischer Verantwortlichkeit und positiver, unbelasteter Neu-Besetzung  des ehemaligen Firmengeländes als Lebens- und Gestaltungsraum hat mich nachhaltig beeindruckt.

Das Besetzte Haus wurde, nachdem das genutzte Grundstück privat verkauft worden war, am 16. April 2009 schließlich unter einem erheblichen Polizei-Aufgebot zwangsgeräumt. Bis heute konnte kein Ersatzobjekt gefunden werden. Im Vorfeld dieser kostspieligen und  unverhältnismäßigen Räumung wurde vermittels Demonstrationen und Aufrufen zu Widerstand auf das Besetzte Haus aufmerksam gemacht. In diese kritische Zeit fallen auch die Graffiti-Protestsprüche.

Das ehemalige „Topf & Söhne"-Gelände wurde schnell zum größten Teil abgerissen und mit Fachmärkten und Wohnhäusern neu aufgebaut. Lediglich das Verwaltungsgebäude, in dem 2011 schließlich der Erinnerungsort „Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz" eröffnete, ist erhalten geblieben. Auf den in der Ausstellung angebrachten Informationstafeln zur Wiederentdeckung des Ortes und der Aufarbeitung der historischen Geschehnisse wird das Besetzte Haus nur in wenigen  Randbemerkungen erwähnt.

Wenngleich diese Ereignisse also einerseits deutlich den Verlust und das Verschwinden eines vielschichtig bedeutsamen Ortes markieren, ist es andererseits doch beachtlich und auch etwas tröstlich, dass noch heute die Spuren dieses verlorenen Kulturraumes für jeden einsehbar als Graffiti im Stadtbild vorzufinden sind, die vielleicht dazu anregen und einladen, sich eingehender mit dem kreativen Projekt Besetztes Haus auseinanderzusetzen. Wenn nur noch die Spuren eines derart wichtigen Kulturraumes vorhanden sind, so erhalten diese eine neue Bedeutungsdimension: Ohne die Möglichkeit, noch den Ort des Besetzten Hauses treffen zu können, sind es gerade diese subtilen Graffitis, auf denen die Aufmerksamkeit ruhen bleibt und bleiben muss. Sie stellen dabei nicht nur eine Erinnerung an das Besetzte Haus dar, sondern zeugen bis heute auch von der kreativen Weigerung des Projektes, aus dem Stadtraum vollends getilgt und ausgestoßen zu werden.

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Fotos: Florian Karsubke