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Schaurige, lustige, gruselige und witzige Sagen, Märchen und Geschichten von geheimnisvollen Naturwesen wie Wassermännern, Glücksdrachen, Irrlichtern und dem Teufel. Für Leser ab 8 Jahren.

Glücksdrachenpech
Ingrid Annel
mit Illustrationen von Marga Lenz

Im Gespräch mit Ingrid Annel

Im Gespräch mit Ingrid Annel

Sie ist eine echte Erfurter Puffbohne – geboren in der Stadt an der Gera und nach dem Studium gern wieder zurück gekehrt. Ursprünglich wollte oder sollte sie Lehrerin werden, doch ihre vielseitigen Talente und ihr offenes und enthusiastisches Wesen haben sie andere Wege geführt. Als roter Faden  zieht sich die Liebe zu Büchern durch ihr Leben. Es gab eine Zeit, da sie hinter der Theke stand und solche verkaufte, dann begann sie als Lektorin zu arbeiten, heute schreibt sie selbst. Sie arbeitete  als Dramaturgin und Musiklehrerin. Zudem ist sie immer mal wieder als Bücherclown unterwegs und bringt Kindern die Freude am Lesen.

Frau Annel, Sie leben seit rund 58 Jahren in Erfurt. Wird das nicht allmählich langweilig? Ist nicht endlich Zeit für einen Ortswechsel?

Langweilig? Erfurt? Niemals.
Außerdem habe ich längst gewechselt, vor 18 Jahren. Aus der Stadt hinaus nach Tiefthal, das just zum Zeitpunkt unseres Umzuges eingemeindet wurde und heute auf Briefen „Erfurt" genannt werden soll. Sozusagen ein sehr unauffälliger Wechsel.
Mit mehreren Vorteilen: Ich genieße die Ruhe vor meinem Fenster. Und bis zur Stadt mit all ihren Anregungen und Begegnungen sind es nur ein paar Minuten. Beides brauche ich im Wechsel.
Wobei ich immer wieder staunend durch Erfurts Gassen gehe, Neues entdecke, mich in andere Jahrhunderte versetzt fühle. Vorzugsweise ins Mittelalter.
Außerdem bin ich oft unterwegs auf Lesereisen, hauptsächlich durch Thüringen, aber auch durch Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Baden-Württemberg (die fehlenden Bundesländer folgen hoffentlich noch) und Finnland.

 

Sagten Sie eben Finnland? Wie das? Sprechen Sie finnisch?

Ich weiß lediglich, was „Prost!" auf Finnisch heißt.
In Finnland gibt es zahlreiche Finnisch-Deutsche Vereine, die gelegentlich Autoren einladen, um allen Deutsch-Sprechenden und Deutsch-Lernenden Lesungen anzubieten.
Da ich sowohl für Kinder als auch für Erwachsene schreibe, kam es 2011 zu einer ersten Einladung, gemeinsam organisiert von den Finnisch-Deutschen Vereinen, dem Goethe-Institut und dem Bödecker-Verein für Thüringen e.V.

Aber darf ich etwas über meine Lese-Anfänge erzählen?

 

Gut. Also: Wie und warum lesen Sie für Publikum?

Oh, das reimt sich. Ist Ihnen das aufgefallen?

Erst nachdem ich es ausgesprochen hatte. Aber eigentlich wollte ich hier die Fragen stellen.

Dann konzentriere ich mich ab sofort auf die Antworten.
Für diese hier muss ich etwas abschweifen. Bis hin zu meiner Geburt.
Ich wurde in eine Großfamilie hineingeboren. Dabei sah es zum Zeitpunkt meiner Geburt noch nicht nach Großfamilie aus, ich war erst Nummer Zwei. Doch so nach und nach wurden wir acht Geschwister.
Allesamt ausgestattet mit sowohl musischen als auch naturwissenschaftlichen Neigungen. Das heißt, wir besuchten sowohl Mathematik-Olympiaden als auch die Musikschule.
Als es Zeit wurde, sich für ein Studium zu bewerben, konnte ich mich nicht entscheiden. Am liebsten hätte ich alles studiert, nachdem ich meinen langjährigen Wunsch, Pianistin zu werden, begraben musste (mein Rücken verweigerte sich den vielen Übungsstunden).

In meiner Ratlosigkeit bewarb ich mich für das, was mir am leichtesten fiel: Physik und Mathematik. Das habe ich ein Jahr lang an der Pädagogischen Hochschule Erfurt studiert. Nebenbei wurde ich in die Forschungsarbeit der Hochschule einbezogen, um mich auf eine ans Studium anschließende Promotion vorzubereiten. Große Erwartungen, die ich recht bald zerstörte.

Denn neben dem Studium spielte ich Theater, gewann den Hochschul-Literaturwettbewerb, blieb im Lesesaal immer öfter an den Regalen der Germanisten hängen, statt mich zur physikalischen Fachliteratur vorzukämpfen.
Also wechselte ich nach einem Jahr und studierte Germanistik und Kunsterziehung. Auf Lehramt, würde man heute sagen. Das war eine gute Zeit, ich durfte schon während des Studiums Vorlesungen halten. Dennoch habe ich das Studium vorfristig beendet, um als Bauarbeiterin an die Trasse zu fliegen.

 

Trasse? Was hat denn das mit Literatur und Lesen zu tun? 

Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten auch nicht mehr. In den 70er Jahren wurden viele junge Leute in die Weiten der Ukraine geschickt, um gewaltige Rohre für eine Gasleitung zu verlegen und alle paarhundert Kilometer Verdichterstationen zu bauen.

 

Ver-Dichter-Stationen? 

Ah, ein Wortspiel!
Das Gas musste, damit es weiter durch die Rohre strömen und sein Ziel erreichen konnte, immer mal wieder verdichtet werden.

 

Zurück zur Literatur und zum Lesen.

Nach dem Aufenthalt in der Ukraine sollte ich endlich beginnen, an meiner Doktorarbeit in Literaturwissenschaft zu schreiben. – Was ich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr wollte.

Ich wollte nicht über andere Literatur theoretisierend den Stab brechen. Ich wollte selbst schreiben.
Deshalb verließ ich die Theorie, arbeitete als Buchhändlerin in der Humboldt-Buchhandlung, später als Dramaturgin fürs Erfurter Kabarett, dann als Dramaturgin für Kinder- und Jugendtheater, ebenfalls in Erfurt, bekam drei Kinder, arbeitete nebenbei als freie Lektorin, wurde arbeitslos, machte mich selbständig mit einer eigenen Musikschule, konnte nun wieder meine musikalischen Neigungen ausleben und gemeinsam mit Kindern musizieren. Zu diesem Zwecke brachte ich mir selbst das Akkordeon-Spielen bei.

Manchmal gaben wir kleine Konzerte. Um das Programm zu erweitern, las ich ein paar von meinen Geschichten vor, die in Anthologien des Kinderbuchverlages erschienen waren. Das gab mir den Mut, mich mit einem eigenen Programm selbständig zu machen: ein Programm mit Liedern, Sprachspielen, Gedichten, Geschichten.
So betrat ich als Bücherclown die Bühne.

 

Was, bitte, ist ein Bücherclown? Einer, der die Literatur nicht ernst nimmt?

Ganz im Gegenteil. Gerade weil mir Literatur, das Vergnügen an der Sprache, die Hinwendung zu Märchen und Geschichten, die Leidenschaft für Bücher sehr wichtig sind, wollte ich versuchen, die Kinder mit dem Virus der Leselust zu infizieren.
Zehn Jahre lang war ich mit diesem Programm unterwegs in Schulen und Bibliotheken, sehr zur  Begeisterung der Kinder und der Lehrerinnen.
Dann wurde es Zeit für einen Umzug. Ich zog mich um und nähte mir ein neues Kostüm für eine andere Rolle.

 

Verraten Sie uns, welche Rolle?

Gern. Es ist eine winzige Nebenrolle aus dem Märchen „Dornröschen", nämlich die Küchenmagd.  Die taucht kurz vorm Ende auf, beiläufig in einem Nebensatz.
Ich lasse die Küchenmagd mithilfe ihres großen Kochlöffels die wahre Geschichte von Dornröschen, vom Einschlafen, Aufwachen und all der Küsserei erzählen – ein Erzähltheater-Programm, in dem auch noch ein Gespenst seinen Auftritt hat.

 

Treten Sie nur in Kostümen und gestalteten Programmen auf?

Nein, ich mag auch „normale" Lesungen, zu denen ich mich als Schriftstellerin verkleide und an Ort und Stelle auswähle, welche Geschichten, Gedichte und Sprachspielereien für das jeweilige Publikum passen könnten.
Dazu reise ich mit meinen Büchern und einem Stapel Manuskripten an.

der ich bestreite gemeinsam mit meinem Mann Ulf Annel einen unterhaltsamen Autorendoppel-Anekdotenabend unter dem Titel „Der schillernde Friedrich", an dem wir aus unserem Buch mit Schiller-Anekdoten („Er scheint zur Poesie Genie zu haben") vorlesen und über den privaten Schiller erzählen, der als Knabe heimlich Tabak schnupfte, verbotene Schriften las und später nicht so recht wusste, was er mit jungen Frauen anstellen sollte.

Am liebsten schreibe und lese ich märchenhafte Geschichten, Kunstmärchen oder erzähle bekannte Märchen (mit Vorliebe die Grimmschen) neu und anders.

 

Was ja dazu geführt hat, dass Sie für den Bertuch Verlag das Märchen- und Sagenbuch „Glücksdrachenpech" geschrieben haben.

Richtig. Es war ein Auftrag, über den ich mich sehr gefreut habe, weil er genau zu mir passt.
Für etliche Wochen bin ich regelrecht hinabgetaucht in diese ganz besondere Sagenwelt der Lausitz. Ich bin in die Lausitz gereist, habe dort in Bibliotheken, Museen und Archiven gestöbert. Habe alles gelesen, was ich an Märchen und Sagen dieser Region finden konnte.

Sehr hilfreich war dabei auch das Internet, in dem ich alte Sagensammlungen aus dem 19. Jahrhundert nachlesen konnte.
Aus dieser überlieferten Überfülle habe ich die Sagen über die Naturdämonen ausgewählt und sie für heutige Leser zu neuem Leben erweckt, ihnen meinen Atem eingehaucht – eine Art Geisterbeschwörung.

 

Verraten Sie uns, woran Sie gerade schreiben?

Nein.

 

Nein? Warum denn nicht?

Ich bitte um Nachsicht, ich mag nicht über ungelegte Eier reden.
Doch beim Stichwort „Eier" fällt mir ein, dass ich da noch ein paar sehr schöne Geschichten zum Thema ...

 

Jetzt nicht, später vielleicht. Gibt es andere Pläne, über die Sie sprechen wollen und können?

In unmittelbarer Zukunft stehen mir zwei aufregende Reisen bevor.
Die eine wird wiederum eine Lese-Reise sein, durch mehrere Städte Finnlands.

Und kurze Zeit später startet der Philharmonische Chor Erfurt zu einer Konzertreise nach Krakau.
Womit ich zugleich etwas über eins meiner Hobbys. Gemeinsam mit anderen zu musizieren (in diesem Fall nicht auf einem Instrument, sondern mit der eigenen Stimme), ist ein wunderbarer Ausgleich zum Autoren-Alltag, der doch über weite Strecken eine Art Einsiedler-Dasein ist.


Möchten Sie auch einmal ein Buch über Erfurt schreiben?

Längst erledigt. Meine Verneigung vor dieser Stadt findet sich in einem schmalen Buch mit dem Titel „Erfurt", erschienen 1999.
Aber ein paar Ideen, die Geschichte dieser Stadt betreffend, habe ich weiter in Arbeit.
Doch das wollte ich ja gar nicht verraten.

 

Gibt es Orte in Erfurt, die Ihnen besonders wichtig sind?

Viele!
Angefangen von den acht Wohnungen, die ich im Laufe der Jahre bewohnt habe. Ich bin mehrfach und immer wieder gern umgezogen, kreuz und quer durch die Stadt.
Zwei Schulen habe ich besucht, durch die ich heute noch oft in meinen Träumen geistere: die Herder-Schule und die Humboldt-Schule. (Nein, es sind keine Albträume.)
Die Musikschule gleich neben der Barfüßer-Ruine war neun Jahre lang mein zweites Zuhause.

Die Waagegasse hat mich, als ich sie mit 15 Jahren das erste Mal durchquerte, schlagartig ins Mittelalter gerissen, tief beeindruckt und zu einem langen Gedicht inspiriert. (Nein, das existiert nicht mehr.)
Viele Sommernächte habe ich auf den Domstufen verbracht, wenn der Philharmonische Chor bei den Domstufen-Festspielen mitsang und mitspielte.
Und natürlich muss ich alle paar Tage nachschauen, ob die Krämerbrücke noch steht.

 

Haben wir etwas Wichtiges vergessen?

Ganz bestimmt. Das macht aber nichts.
Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an. Oder schreiben Sie mir.
Sie werden längst bemerkt haben, dass ich gern erzähle.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Ich habe zu danken.