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Dunkelmännerbriefe

Dunkelmännerbriefe

Anette Huber-Kemmesies

Eobanus Hessus
Eobanus Hessus

Im gleichen Jahre des Lutherschen Thesenanschlags in Wittenberg, nämlich 1517, erschienen die sogenannten Dunkelmännerbriefe. Es handelte sich dabei um insgesamt 110 fiktive Streitbriefe in zwei Bänden, auch unter dem Namen Epistolae obscurum virorum bekannt, die im Zeitraum zwischen 1514 und 1516 im Kreise der Erfurter Universitätsgelehrten verfasst wurden. Hinter den anonym herausgegebenen Dunkelmännerbriefen verbargen sich die Erfurter Humanisten Crotus Rubeanus (eigentlich Johannes Jäger), Ulrich von Hutten und Helius Eobanus Hessus. 

Anlass dieser Schriften war die geistige Kontroverse zwischen dem Klerus und den humanistischen „Freidenkern". Der Auslöser war die Frage nach dem Wert des jüdischen Talmuds und ob dieser verbrannt werden sollte oder nicht. Vor allem der aus Köln stammende und vom Judentum konvertierte Christ und Dominikaner Johannes Pfefferkorn (1469–1524) setzte sich enorm für ein Verbot und die Vernichtung der jüdischen Schriften ein, wogegen der aus Baden-Württemberg stammende Humanist und (nichtjüdischer) Hebraist Johannes Reuchlin (1455–1522) protestierte. Auch die Angehörigen des Erfurter Humanistenkreises erfuhren von diesem Händel und stellten sich mit den fingierten Briefen auf die Seite Reuchlins.

Ulrich von Hutten
Ulrich von Hutten

Der Inhalt der Dunkelmännerbriefe ist in satirischer Form verfasst. So prangern die Humanisten in einer Art Parodie die Dominikaner an, indem sie durch die Verwendung von schlechtem und fehlerhaftem Latein schreiben und unterstellen dadurch den Klerikern den Gebrauch dieses Küchenlateins. Weiterhin geht es um die Frage nach der Rechtfertigung der Inquisition und den brutalen Foltermethoden sowie um die zahlreichen Hinrichtungen während dieser Prozesse, und auch darum, wie man mit einem vermeintlichen Querulanten wie Reuchlin umzugehen habe – doch auch dies ist nur eine Parodie auf die scholastischen Kleriker.

Die Dunkelmännerbriefe hatten eine prekäre Auswirkung für beide Seiten: Zum einen sprach der amtierende Papst Leo X. ein Verbot für die Verbreitung der Briefe aus. Zum anderen aber gab es unter den Dominikanern solche, die die Pointe dieser Briefe nicht erkannten und die Hyperbeln (Übertreibungen) sogar ernst nahmen. Und auch Martin Luther suchte vergeblich nach dem nötigen Ernst einer Kritik. Nichtsdestotrotz aber zählen die Dunkelmännerbriefe, die ihren Ursprung in Erfurt fanden zu den wichtigen historischen Zeugnissen einer Zeit, in der sich nicht nur die Kirche zu reformieren begann, sondern auch das Bildungssystem und das herrschende Weltbild.

 

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Bilder
Ulrich von Hutten, Holzschnitt ca. 1522, gemeinfrei
Eobanus Hessus, Holzschnitt nach einer Zeichnung von Dürer 1526, gemeinfrei