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N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Erfurter Ochsenkrieg

Erfurter Ochsenkrieg

Anette Huber-Kemmesies

Wappen der Fleischer- bzw. Metzgerzunft
Wappen der Fleischer- bzw. Metzgerzunft

In den Jahren 1421/22 erschütterte das Herzogtum Bayern-Landshut ein Krieg, dessen Auslöser ein Streit um Weideland und Ochsen war. Diese militärische Auseinandersetzung zwischen dem Herzogtum und der Grafschaft Haag sollte in die Geschichte als „Ochsenkrieg" eingehen – ein Krieg, der durch Streitigkeiten um Banalitäten ausgelöst wurde.

Solch einen Streit um Nichtigkeiten gab es auch in Erfurt. Die Auswirkungen des Händels blieben zwar begrenzt, dennoch hatte er eine Wirkung, die das Stadtbild des 19. Jahrhunderts prägen sollte. Beim Erfurter Ochsenkrieg handelte es sich um eine Auseinandersetzung zwischen den Metzgermeistern der Stadt. Sie kämpften nicht nur um die Gunst der Bevölkerung, sondern auch um ihren Ruf. Ausgetragen wurde er in aller Öffentlichkeit im Erfurter Anzeiger „Adreßblatt" über Zeitungsannoncen.

Aus den Anzeigen aus den Jahren 1848/49 geht hervor, dass ein Metzger namens Müller den Fleischermeister Forberg öffentlich denunzierte, denn Forberg habe dem Fleischer Müller „Kuhfleisch von geringerer Qualität" verkauft. Als Reaktion auf diese Annonce verkündete der Fleischer Forberg hingegen, er werde „von mir einige Ochsen durch sie Stadt führen lassen, um dieselben als wirklich ausgemästete Ochsen zu zeigen."
Daraufhin entbrannte eine regelrechte Werbewelle um das beste Fleisch, denn ein dritter Fleischermeister, ein gewisser Herr Böttcher, schaltete sich ein: Er werde nun „zwei Stück Ochsen und fünf und zwanzig Franken-Hammel acht Tage lang zur Schau stelle[n]."

Doch erzielte dieser Ochsenkrieg nicht nur positive Resonanzen innerhalb der Fleischerinnung. Ein Mitmeister prangerte die vermeintliche „Noth und Habsucht" der Kontrahenten an. Eine anonyme Zuschrift an das „Adreßblatt" setzte sogar das Gezänk zwischen den Metzgern mit brüllenden Ochsen gleich, denn ein jeder „brüllt [hier] in öffentl. Blättern."

Mit solcherlei Zuschriften wurde dem Krieg aber kein Ende gesetzt, im Gegenteil. Die Fleischermeister versuchten nun auf subtilere Art und Weise die Konkurrenten außer Gefecht zu setzen: Die Ochsen wurden nicht nur als solche ausgestellt, sondern bekamen Beinamen, um ihre Fettheit und Attraktivität zu untermalen: Sie hießen dann „Mast-Ochsen", „Pflüger-Mast-Ochsen", „Heu-Ochsen" oder „Brumm-Ochsen". Um nun die Werbetechnik des Konkurrenten zu durchkreuzen, wurden die Beinamen in Frage gestellt, sowie das Fachwissen des jeweiligen Fleischers.

Das Ende dieses Krieges erfolgte abrupt durch das Aussetzen der Antwort auf banale Fragen, denn die Anzeigen enden an dieser Stelle im Jahre 1849. Es herrschte wohl Waffenstillstand, doch was blieb, war die Art und Weise der Reklame, denn Ochsen wurden, wie weitere Anzeigen belegen, auch noch nach diesem „Krieg" zur Schau geführt.

 

(Quelle: G. Scheuffler: Erfurter Raritätenkabinett. Alte Zeitungsbände erzählen (1840-1900), Richters Verlagsanstalt Erfurt 1930)