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Ein Stück Deutscher Geschichte

Es sind bewegte, ereignisreiche und unsichere Jahre: die Zeit des Krieges, der russischen Besetzung und der Aufbaujahre der DDR. Diese autobiographische Skizze wagt einen erneuten Blick  auf die bewegte deutsche Geschichte der Mitte des 20.Jhs.

Klaus Beer:
Bewegte Jahre

ISBN 978-3-86397-037  

Willy Brandt in Erfurt

Willy Brandt in Erfurt

Anette Huber-Kemmesies

Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof
Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof

Das Erfurter Treffen vom 19. März 1970 zwischen Willy Brandt und Willi Stoph war der erste deutsch-deutsche Gipfel zwischen der BRD und der DDR. Brandts Motivation bestand in der Versöhnungspolitik zwischen beiden deutschen Staaten, die über das Interzonen-Handelsabkommen hinausgehen sollte. Die DDR-Regierung stimmte zu, da sie sich von diesem Treffen eine internationale Akzeptanz als eigenständiger Staat versprach. Auch sollte es der Entspannung des Kalten Kriegs dienen. Dem Treffen im Erfurter Hof stand nach mehreren Verhandlungen über den Tagungsort nichts mehr im Wege. Kurzfristig mussten Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, um eine Eskalation zu verhindern. Um die Stimmung der teilnehmenden Bevölkerung zu lenken, wurden SED-Mitglieder (hauptsächlich Studenten) abgestellt, um Schlachtrufe, wie „Forderung an Willy Brandt: DDR wird anerkannt!" lauthals zu verkünden. Auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) stellte „unsichtbare" Informanten zur Observation der Menge ab. Das Polizeiaufgebot war riesig.

Womit die DDR-Regierung allerdings nicht rechnete, war die ekstatische Reaktion der Demonstranten vor Ort. Sie begrüßte den BRD-Politiker mit „Willy! Willy!" und forderte: „Willy Brandt ans Fenster!" Er kam der Forderung nach und äußerte zu einem späteren Zeitpunkt seine tiefe Rührung. Die Euphorie war wohl die Folge der zu dem Zeitpunkt nicht erfüllbaren Erwartung, beide deutschen Staaten zu einen. Auch die Verhandlungen, die später in einem Gegenbesuch in Kassel fortgeführt wurden, führten zunächst zu keinem einvernehmlichen Ergebnis.

Dennoch war dieses Treffen ein symbolischer Schritt in die richtige Richtung Entspannungspolitik, der sich die DDR-Regierung sich nicht länger entziehen konnte. Sie lenkte ein, auch um ihren Status bei der eigenen Bevölkerung zu verbessern und ihr Ziel, international anerkannt zu werden, weiter zu verfolgen. 1973 wurde schließlich ein Grundlagenvertrag geschlossen, der beiden Staaten die Selbstständigkeit zusicherte.

Im Gebäude des ehemaligen Hotels Erfurter Hof haben sich heute die Touristinformation und das Café Willy B. etabliert. Der Schriftzug auf dem Dach erinnert an das historische Ereignis.

(Quelle: Steffen Raßloff: Thüringen. Blätter zur Landeskunde. Das Erfurter Gipfeltreffen 1970, Landeszentrale für politische Bildung, Druckerei Sömmerda 2005)

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Fotos:

Teaser - Engelbert Reinecke; Deutsches Bundesarchiv B 145 Bild-F057884-0009
gefunden bei: http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt
Foto 1 - Urheber unbekannt; Deutsches Bundesarchiv B 145 Bild-F031406-0017
gefunden bei: http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt
Foto 2 - Tina Romstedt