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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Wassernixen in Erfurt

Wassernixen in Erfurt

„Halb zog sie ihn, halb sank er hin..." sind die wohl bekanntesten Worte aus Goethes Ballade „Der Fischer". Beschrieben wird die betörende Gewalt einer Wasserfrau. Diese Naturgeister sind stets ambivalente Charaktere: Einerseits mit einem Menschenleib, andererseits aber mit einem Fischschwanz bewegen sie sich durch ihr Element – das Wasser. Sie sind meist unsagbar schön, aber seelenlos. Und diese Seelenlosigkeit teilen sie alle, egal aus welchem Sagen- und Legendenkreis sie entspringen.

Die bekannteste Wasserfrau ist wohl „Die kleine Meerjungfrau" des dänischen Dichters und Schriftstellers Hans Christian Andersen. Ihre tragische Geschichte steht äquivalent für alle Nixen, Sirenen, Rusálky und Meerjungfrauen. Mensch werden! und damit über eine Seele verfügen ist ihr todbringender Herzenswusch. Doch sind solche Wasserfrauen oder Fischweiber nicht immer diese tragischen Figuren. Die homerischen Sirenen oder slawischen Rusálky sind letale Naturgeister, die durch ihren Gesang oder ihren Tanz die männlichen Zuhörer bzw. Beobachter in ihren Bann ziehen und ihn töten. Und so fügen sie sich in ihr Element ein, denn genauso zwiespältig wie die Nixen, ist auch die Quelle ihres Ursprungs: Einerseits gibt das Wasser Leben und fesselt den Betrachter durch seine unsteten Zustände. Andererseits kann es zu einer tödlichen Gefahr werden. Und so wie das Wasser können diese Naturgeister Liebe und als Symbol der Mütterlichkeit Leben spenden - oder es nehmen.

Auch in Thüringens Hauptstadt Erfurt sollen der Sage nach diese Wesenheiten gesichtet worden sein. Zwei mündliche Überlieferungen liegen uns heute vor, in denen die Betörten auf ganz unterschiedliche Weise den Tod finden.

(Anette Huber-Kemmesies)

 

Der Kohlgrube gegenüber, am rechten Ufer der wilden Gera stand vor Zeiten ein Gasthaus, die Kronburg genannt, in welchem öfters getanzt wurde. Es geschah aber, daß sich der Wirthssohn einem schönen Mägdlein, von dem Niemand erfahren konnte, wer sie war, mit zunehmender Neigung näherte. Die Schöne mischte sich unbemerkt unter die Tänzerinnen und wenn ihre Stunde kam, verschwand sie ebenso. Mit der Zeit hatte man aber erfahren, daß das holde Wesen eine Wassernixe sei, die stets nach dem Tanze in den Fluthen der Gera sich versenkte. Einmal kam es mehreren dreisten Burschen in den Sinn, die Wassernixe bei ihrem Kommen zu beobachten. Sie lauerten ihr am Ufer auf, konnten es aber nicht verhindern, daß sie aus dem Wasser stieg; denn in dem Augenblicke, als selbiges geschah, erhob sich über der Fluth ein grelles Licht, von welchem sie geblendet wurden. Als der Tanz vorüber war, folgten ihr die Burschen und suchten sie aufzuhalten. Aber der Lichtschein blendete sie abermals und sie konnten ihr nichts anhaben.  Geräuschlos verschwand sie im Wasser und kehrte von dieser Zeit an nie wieder zurück. Der Ball in der Kronburg wurde eingestellt und der Sohn des Wirthes ist unverheiratet gestorben.                                                                                        (Mündlich.)

 

Eine ganz ähnliche Sage knüpft sich an den Sülzenbrücker Teich bei Molsdorf. Hier wohnt eine Nixe, die in Molsdorf den Kirmestanz besucht und sich dabei so verspätet, daß sie noch tanzt und springt, als schon der Hahn den Morgen verkündet. Sie trennt sich von ihrem Tänzer:

Wirft atemlos sich in die Fluth,
Die schäumt empor in wilder Wuth;
Getrübt ist ihre Helle
Blut schwimmt auf jeder Welle.

(Bube.)

 

Der Jüngling ist ihr nachgestürzt und findet im Wasser sein Ende. Er war nun in der Wasserwelt gebannt. Der Sage nach leben Ertrunkene im Wasser fort, zumal Kinder, wenn sie in Brunnen fallen. Sie gelangen auf grüne Wiesen, die sich unter dem Gewässer befinden, zu dem Hause der freundlichen Frau Holle, die gut aufnimmt und erfreuliche Spiele mit ihnen spielt.                                                          (Mündlich.)

 

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Sagen gefunden von in: Heinrich Kruspe: Sagenbuch der Stadt Erfurt. Gesamtausgabe. Nach dem Kruspe-Original von 1877

Teaserbild: Minsener Seewiefken; Foto gefunden in Wikipedia, freies Nutzungsrecht; Bild bearbeitet