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Roland Opitz
Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Michaelisstraße

Michaelisstraße

Anette Huber-Kemmesies

Am Fuße der Erfurter Feste des Petersbergs befindet sich, zwischen dem Gutenberg-Gymnasium und dem Arbeitsgericht, die Biereyestraße. Sie wurde nach dem bekannten Historiker des 19./20. Jahrhunderts Johannes Biereye (1860–1949) betitelt. Neben seiner Tätigkeit als Pädagoge beschäftigte ihn vor allem die Geschichte der Stadt Erfurt, nebst seinen Einwohnern. Besonders hat es ihm dabei die Michaelisstraße angetan.  Er betrachtet und beschreibt dabei ganze 50 Häuser (Stand von 1914). Daneben geht er nicht nur von quantitativen Elementen der Baukunst aus, sondern auch von ästhetisch-künstlerischen. So beschreibt er beispielsweise die Michaelisstraße als eine harmonische und ästhetisch abgeschlossene Straße, deren Ästhetik sich aus zwei Dominanten zusammensetzt: die Michaeliskirche und die Alte Universität. Diese haben nach Biereye einen besonderen symbolischen Wert (etwa: Wissen und Macht oder Glaube und Wissen und natürlich die Bedeutung der Reformation). Die Michaelisstraße gehört für ihn in ein ästhetisch abgeschlossenes System offener Plätze, nicht zuletzt durch die Anlage der kleineren, zu ihren Seiten abgehenden Gassen, die das Straßensystem um die Michaelisstraße wie eine Art Kamm erscheinen lässt.

Diese Straße ist auch als „Steinerne Chronik der Stadt″ bekannt, was an den in verschiedenen Jahrhunderten errichteten Gebäuden liegt. Das Haus „Zum goldenen Schwan″ stammte beispielsweise aus dem 13. Jahrhundert, das Collegium Maius der alten Universität wurde im 14. Jahrhundert erbaut. Auch ein jüdischer Goldschatz aus dieser Zeit wurde in der Michaelisstraße Nr. 43 entdeckt und kann im Keller der Alten Synagoge besichtigt werden. Außerdem stammen noch weit mehr Häuser aus der Renaissance, Barock und Gotik.
Beispielhaft für diese „Steinerne Chronik″ und die verschiedenen Baustile ist das Haus „Zum (güldenen) Krönbacken″, ein altes ehemaliges Handelshaus – das heute als Ausstellungs- und Kulturzentrum genutzt wird – dessen älteste Teile (Keller und Erdgeschoss) um 1200 entstanden und das dann über die Jahrhunderte hinweg verändert und vergrößert wurde.

Auch die bereits erwähnte Michaeliskirche ist ein Zeugnis besonderer Art. In ihr wurde der spätere Reformator Martin Luther 1507 zum Priester geweiht; ihr Baubeginn war ca. 1392.

Die Besonderheit der Straße ist also nicht nur in der Vielzahl der Baustile und in der ästhetischen Anlage begründet, sondern auch durch die aus allen Schichten stammenden Bewohner, wie Kaufmänner, Bierbrauer und Waidfärber, die hier lebten und ihren Handel trieben. Ein Besuch dieses geschichtsträchtigen Straßenzuges lohnt sich also, und nicht nur der architektonischen Gegebenheiten wegen. Auch heute noch floriert dort der Handel: neben kleineren Geschäften und dem Kulturzentrum „Zum Krönbacken″, laden verschiedene Lokalitäten zum Stillen von Hunger und Durst ein. Ob in stillen Hinterhöfen oder im Zentrum der Straße – ein Besuch lohnt sich nicht nur zur Sommerszeit. Man kann hier mit gutem Gewissen behaupten, dass die Michaelisstraße nichts von ihrem jahrhundertealten Charme eingebüßt hat.


Hinteransicht Toreinfahrt "Krönbacken"

(Quelle: Johannes Biereye: Die Michaelisstraße in Erfurt und ihre Bewohner sonst und jetzt (1925), Sonderabdruck aus Heft 43 der Mitteilungen der Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 1925/26)

Fotos: Anette Huber-Kemmesies

Michaelisstraße

Michaelisstraße
99084 Erfurt

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