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Über das Leben und Schaffen der untrennlichen Büder berichten die Märchenforscher Kurt Franz und Claudia Pecher in

Kennst du die Brüder Grimm?

Der zurückgehexte Buhle

Der zurückgehexte Buhle

Es gibt eine Sage aus Erfurt, die von hoffnungsloser Liebe, getreu dem Motto „Hoffnungslose Liebe macht den Mann kläglich und die Frau beklagenswert" (Franz Grillparzer) handelt. Und diese Sage ist Ausdruck einseitiger zwischenmenschlicher Bindung, die unerfüllt bleibt, als Gleichnis für das Versprechen der Liebe und die Wege, die jemand bereit ist zu gehen, um der Liebe habhaft zu werden, koste es, was es wolle. In dieser Sage also, gibt ein junger Mann das Versprechen der Liebe an eine Magd, täuscht sie, denn er wird der Verbindung „überdrüssig" und verschwindet. Die Magd aber, wohl wissend ob des falschen Versprechens, begibt sich um ihrer unerfüllten Liebe Willen auf gefährliches Terrain und nutzt die Macht der Zauberei, um den Geliebten an sich zu binden. Der geliebte Geselle ist kläglich, im Sinne von unselig und peinigend, die Magd ist beklagenswert, im wörtlichen Sinne, denn sie setzt sich der Scham aus: Sie wurde nicht nur bei einem geglückten Zauber ertappt, sondern auch nachträglich bei dem Vollzug der Unkeuschheit.

(Anette Huber-Kemmesies)

 

 

Im Jahre 1672 hat sich zu Erfurt begeben, daß die Magd eines Schreiners und ein Färbersgesell, die in einem Hause gedient, einen Liebeshandel miteinander angefangen, welcher in Leichtfertigkeit einige Zeit gedauert. Hernach ward der Gesell dessen überdrüssig, wanderte weiter und ging in Langensalza bei einem Meister in Arbeit.

Die Magd aber konnte die Liebesgedanken nicht loswerden und wollte ihren Buhlen durchaus wiederhaben. Am heiligen Pfingsttage, da alle Hausgenossen, der Lehrjunge ausgenommen, in der Kirche waren, tat sie gewisse Kräuter in einen Topf, setzte ihn zum Feuer, und sobald solche zu sieden kamen, hat auch ihr Buhle zugegen sein müssen. Nun trug sich zu, dass, als der Topf beim Feuer stand und brodelte, der Lehrjunge, unwissend, was darin ist, ihn näher zur Glut rückt und seine Pfanne mit Leim an dessen Stelle setzt.

Sobald jener Topf mit den Kräutern näher zu der Feuerhitze gekommen, hat sich etlichemal darin eine Stimme vernehmen lassen und gesprochen: "Komm, komm, Hansel, komm! Komm, komm, Hansel, komm!" Indem aber der Bube seinen Leim umrührt, fällt es hinter ihm nieder wie ein Sack, und als er sich umschaut, sieht er einen jungen Kerl da liegen, der nichts als ein Hemd am Leibe hat, worüber er ein jämmerlich Geschrei anhebt.

Die Magd kam gelaufen, auch andere im Haus wohnende Leute, zu sehen, warum der Bube so heftig geschrien, und fanden den guten Gesellen als einen aus tiefem Schlaf erwachten Menschen also im Hemde liegen. Indessen ermunterte er sich etwas und erzählte auf Befragen, es wäre ein großes schwarzes Tier, ganz zottigt, wie ein Bock gestaltet, zu ihm vor sein Bett gekommen und habe ihn also geängstigt, daß es ihn alsbald auf seine Hörner gefaßt und zum großen Fenster mit ihm hinausgefahren.

Wie ihm weiter geschehen, wisse er nicht, auch habe er nichts Sonderliches empfunden, nun aber befinde er sich so weit weg, denn gegen acht Uhr habe er noch zu Langensalza im Bett gelegen, und jetzt wäre er zu Erfurt kaum halber neun. Er könne nicht anders glauben, als dass die Katharine, seine vorige Liebste, dieses zuwege gebracht, indem sie bei seiner Abreise zu ihm gesprochen, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wollte sie ihn auf dem Bock holen lassen.

Die Magd hat, nachdem man ihr gedroht, sie als eine Hexe der Obrigkeit zu überantworten, anfangen herzlich zu weinen und gestanden, dass ein altes Weib, dessen Namen sie auch nannte, sie dazu überredet und ihr Kräuter gegeben, mit der Unterweisung: wenn sie die sachte würde kochen lassen, müsse ihr Buhle erscheinen, er sei auch, so weit er immer wolle.