Erfurt Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.erfurt-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Die Päpste als Friedensvermittler

Der Kirchenhstoriker Stefan Samerski stellt die Friedenspolitik und -Arbeit des Heiligen Stuhls in der modernen Zeit heraus.

Wie Till Eulenspiegel in Erfurt einen Esel in einem alten Psalter lesen lehrte

Wie Till Eulenspiegel in Erfurt einen Esel in einem alten Psalter lesen lehrte

Eulenspiegel-Denkmal in Erfurt
Eulenspiegel-Denkmal in Erfurt

Von Prag kam Eulenspiegel nach Erfurt. Hier gab es eine fast ebenso große und berühmte Universität und Eulenspiegel schlug Zettel an Kirchen- und Collegientüren, auf denen er verkündete, jedermann das Lesen und Schreiben beibringen zu können.
Die Lehrpersonen der Universität aber waren vorsichtig. Denn sie hatten von seinen Listen schon viel gehört. So beratschlagten sie, wie man Eulenspiegel herausfordern könne, ohne am Ende selbst zum Narren gehalten zu werden. Sie beschlossen, dass sie Eulenspiegel einen Esel in die Lehre geben wollten, da es in der Stadt viele Esel gäbe, alte und junge.
Nachdem der Rektor der Universität Eulenspiegel zu sich gerufen hatten, sprach er zu ihm: „Herr Magister, Ihr habt gelehrte Schreiben angeschlagen und prahlt damit, jeglicher Kreatur in kurzer Zeit Lesen und Schreiben lehren zu wollen. Darum möchte ich Euch einen jungen Esel in die Lehre geben. Traut Ihr es Euch zu, auch ihn zu lehren?"

Eulenspiegel sagte ja, doch begab er zu bedenken, dass er dafür mehr Zeit brauche, schließlich sei ein Esel eine unvernünftige Kreatur und nicht einmal des Redens fähig.
So verabredeten sie eine Frist von mehreren Jahren und Eulenspiegel dachte sich: Unser sind drei; stirbt der Rektor, so bin ich frei; sterbe ich, wer will mich mahnen? Und stirbt mein Schüler, so bin ich der Sache ebenfalls ledig. Er nahm die Herausforderung an und verlangte eine ordentliche Bezahlung dafür. Und sie gaben ihm etliches Geld im voraus.
Eulenspiegel nahm den Esel und bestellte einen Stall allein für seinen Schüler, besorgte sich einen alten Psalter und legte den in die Futterkrippe und legte zwischen jedes Blatt etwas Hafer. Der Esel lernte um des Hafers willen die Buchseiten mit dem Maule zu wenden und wenn er schließlich keinen Hafer mehr zwischen den Blättern fand, rief er: „I - A, I - A!"

Eulenspiegel war's zufrieden und ging zu dem Rektor und sprach: „Herr Rektor, wann wollt Ihr einmal sehen, was mein Schüler macht?"
Der Rektor sagte: „Lieber Magister, will er die Lehre denn annehmen?"
Eulenspiegel sprach: „Er ist von unmäßig grober Art, und es wird mir sehr schwer, ihn zu lehren. jedoch habe ich es mit großem Fleiß und vieler Arbeit erreicht, dass er einige Buchstaben und besonders etliche Vokale kennt und nennen kann. Wenn Ihr wollt, so geht mit mir, Ihr sollt es dann hören und sehen."
Der gute Schüler hatte aber den ganzen Tag gefastet bis gegen drei Uhr nachmittags. Als nun Eulenspiegel mit dem Rektor und einigen Magistern kam, da legte er seinem Schüler ein neues Buch vor. Sobald  der Esel dies in der Krippe bemerkte, warf er die Blätter hin und her und suchte den Hafer. Da er jedoch nichts fand, begann er laut zu schreien: „I - A, I - A!"
Da sprach Eulenspiegel: „Seht, lieber Herr, die beiden Vokale I und A, die kann er jetzt schon; ich hoffe, er wird noch gut werden."

Bald danach starb der Rektor und Eulenspiegel verließ seinen Schüler. Er ließ ihn als Esel gehen, wie ihm von Natur bestimmt war. Mit dem Geld in der Tasche zog Eulenspiegel in die Welt und dachte: Solltest du alle Esel zu Erfurt klug machen, das würde viel Zeit brauchen.

 

***
neu erzählt von T. Romstedt
Foto T. Romstedt