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Prinz Geiselher

Prinz Geiselher

Florian Russi

In seinem Schloss in Erfurt herrschte einst der mächtige König Magnus. Sein Land war im Norden und im Süden von zwei anderen Königreichen umgeben, mit denen er häufig im Streit lag.
Das Nordreich wurde von König Norbert regiert, im Südreich saß König Siegfried auf dem Thron. Um nicht zwischen den zwei Rivalen aufgerieben zu werden, hatte König Magnus mit beiden Friedensabkommen getroffen. Durch einen umfangreichen Ehevertrag wurde seine damals erst dreijährige Tochter Margareta an Sebastian, den ältesten Sohn König Siegfrieds, gebunden. Sebastian war zu diesem Zeitpunkt gerade ein Jahr alt. Mit König Norbert hatte Magnus einen Austausch von Geiseln vereinbart. Als lebende Pfänder für den beiderseitigen Friedenswillen wurden so am Hofe Norberts der zweitälteste Sohn des Magnus und am Hofe des Magnus Prinz Gieselher, der jüngste Spross König Norberts, aufgezogen. Die getroffenen Vereinbarungen schenkten den drei Ländern eine längere Zeit friedlichen Wohlstands.

Als Prinz Gieselher sechzehn Jahre alt war, verliebte er sich in Margareta, des König Magnus inzwischen vierzehnjährige Tochter. Doch als er ihr seine Liebe gestand, demütigte sie ihn und nannte ihn herablassend Geiselher, da er nur eine hilflose Geisel sei und niemals ein König werden könne.
Prinz Geiselher, wie er bald darauf auch von anderen genannt wurde, war tief verletzt und beschloss, Margareta aus seinem Gefühlsleben zu verdrängen. Je mehr er dies jedoch versuchte, desto leidenschaftlicher wurde seine Liebe zu ihr. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken von ihr abzuwenden. Der Liebeskummer verursachte ihm grausamste Schmerzen.
Um seine Pein ein wenig zu unterdrücken, beteiligte er sich an Fecht- und Turnierübungen, die täglich im Erfurter Schloss angeboten wurden. Neben Jagden und Intrigen waren Ritterturniere die Lieblingsbeschäftigung bei Hofe. Die Sieger der Turniere wurden mit Ehrungen überhäuft und von den Damen, von der Königin bis zur einfachen Magd, umschwärmt und verehrt.

Ein halbes Jahr lang übte sich Prinz Geiselher im Reiten, Kämpfen und Stechen, dann fühlte er sich stark genug flur den ersten Kampf. Sein Gegner war ein etwa gleichaltriger Knappe, der schon mehrere Wettbewerbe in der Juniorenklasse gewonnen hatte. Geiselher dachte an Margareta, ließ sein Pferd losstürmen und wich mit einer geschickten Drehung der Attacke des Knappen aus. Gleichzeitig rammte er ihm seine Lanze mit solcher Wucht gegen die Brust, dass der Knappe aus dem Sattel flog und am Boden liegend nach Luft rang.
Bei der Siegerehrung traten drei Ehrenjungfrauen in weißen Kleidern vor Geiselher und setzten ihm einen Eichenlaubkranz auf den Kopf. Man ließ ihn hochleben, und viele bewundernde Blicke fielen ihm zu. Es war üblich, dass die Turniersieger ihre Kränze nach der Ehrung auf die Spitze ihrer Lanzen steckten, um sie dann mit einer höflichen Geste der von ihnen verehrten oder am meisten bewunderten Frau zu überreichen. Prinz Geiselher legte seine Siegestrophäe mit einer artigen Verbeugung vor Margaretas Mutter, der Königin, nieder. Das wurde zwar als anmaßend, aber auch als das Herz rührend empfunden. Als sich Geiselher am Abend in sein Schlafgemach zurückzog, fand er vor der Tür viele bunte Bänder als Zeichen der Sympathie junger und älterer Damen. Er aber konnte nur an Margareta denken, legte sich aufs Bett und litt.

Bei den darauffolgenden Turnieren blieb er wieder Sieger. Bald gab es niemanden mehr seines Alters, den er noch nicht vom Pferd gestoßen hatte. Immer mehr bunte Bänder wurden ihm zugesteckt. Die Königin lud ihn sogar zu einer Plauderstunde ein. Geiselher jedoch konnte seine Gedanken nicht von Margareta lassen.
Als beim nächsten Turnier ein älterer Ritter wegen Krankheit ausfallen musste, bot sich Geiselher an, seine Rolle zu übernehmen. Wieder dachte er nur an Margareta, stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus und trieb sein Pferd dem Rivalen entgegen, den er unter lautem Krachen aus seinem Sattel hob. Auch diesmal überreichte er den Siegeskranz der Königin, und jetzt wurde das auch nicht mehr als Anmaßung angesehen.
Zwischen den vornehmen Damen des Hofes entbrannte daraufhin ein Wettkampf um die meisten Trophäen. Jede von ihnen buhlte mit mehr oder weniger Geschick und Einfallsreichtum um die Zuneigung eines der Ritter, denen man einen Sieg beim Turnier zutrauen konnte. Wer am Ende eines Jahres die meisten Kränze angesammelt hatte, wurde besonders geehrt und konnte sich des Neides aller anderen Frauen bei Hofe sicher sein.

Margareta wurde eifersüchtig auf die eigene Mutter. Deren Truhen füllten sich mit Kränzen, während ihr nur selten derartige Ehren widerfuhren. Da ließ sie eines Tages über eine ihrer Zofen den Prinzen Geiselher wissen, dass auch ihr Herz zu erobern sei. Als Tochter des Königs, dazu dem Erbprinzen Sebastian zur Ehe versprochen, müsse sie jedoch mehr als andere darauf achten, dass ihr Ruf und ihre Ehre nicht Schaden litten.
Geiselhers Liebesverlangen wurde durch diese Mitteilung ins Unermessliche gesteigert. Zum nächsten Turnierfest forderte er den Leiter der königlichen Schildwache heraus. »Ohne Margareta will ich sowieso nicht leben«, sagte er sich. In schnellem Galopp ritt er, jede Gefahr außer acht lassend, dem Vertrauten des Königs entgegen und stieß ihn vom Pferd. Das hatte bisher nur einmal der König selbst fertig gebracht. Entsprechend groß war die Bewunderung für Geiselher und huldvoll der Blick, mit dem Margareta den Siegeskranz entgegennahm.
»Wann kann ich dich sehen?«, ließ er über die ihm vertraute Zofe bei Margareta anfragen.
»Sobald ich mehr Kränze besitze als meine Mutter«, war ihre Antwort.

Geiselher errang einen Turniersieg nach dem anderen. Die Siegeskränze überreichte er Margareta und bat sie anschließend um ein vertrauliches Stelldichein. Die aber ließ sich immer wieder neue Gründe einfallen, warum sie ihn nicht empfangen konnte. Geiselher suchte in seiner Bedrängnis einen Beichtvater auf, um ihm seine verzweifelte Lage zu schildern. Der Beichtvater war jedoch ein alleinlebender Mann, der nie eine Frau begehrt hatte. So war sein Rat dem Prinzen keine Hilfe. Geiselher ließ Margareta übermitteln, dass er nie wieder ein Turnier reiten werde, wenn sie ihn beim nächsten Mal nicht erhören würde.
Das darauf folgende Turnier wurde mit äußerstem Prunk begangen und dauerte mehrere Tage. Zu Beginn der Feier teilte der König mit, dass sie zugleich das Abschieds- fest für Margareta sei. Danach werde er seine Tochter zum Hof König Siegfrieds geleiten und sie mit dessen Sohn Sebastian vermählen. Hochrufe wurden laut, doch für Geiselher waren die Worte des Königs ein Schnitt durch Herz und Seele.
Plötzlich zupfte ihn die Zofe Alberta am Ärmel und bat ihn zu einem heimlichen Gespräch mit Margareta. Die empfing ihn aufgeregt und sagte: »Mein Vater will heute drei Ritter vom Hofe König Siegfrieds zum Turnier herausfordern. Wenn es dir gelingt, diese drei zu besiegen, werde ich heute Nacht dir gehören.«
Sie zeigte ihm das Zimmer, in dem sie ihn erwarten würde. Dann ließ sie ihn schwören, dass er sie in größter Heimlichkeit aufsuchen und nur bei völliger Dunkelheit zur Geliebten nehmen werde. Dies dürfe auch nur in dieser einzigen Nacht geschehen, auch wenn sie erst fünf Tage später von Erfurt abreisen werde. Geiselher war glücklich, einmal mit ihr allein sein zu können. Er versprach ihr, was sie von ihm verlangte. Sie hatte ihr Mieder eng geschnürt. Ihre Brüste quollen daraus hervor, und Geiselher sehnte die Nacht herbei.

Vorher galt es jedoch, die drei Ritter vom Hofe König Siegfrieds zu besiegen. Ich habe nur noch einen einzigen Preis zu gewinnen. Danach hat das Leben für mich ohnedies keinen Sinn mehr, dachte Geiselher bei sich nnd forderte die drei Ritter zum Kräfte- messen heraus. Ohne Rücksicht auf sein Leben und seine Gesundheit setzte er alles aufs Spiel und stieß nacheinander die drei Ritter von ihren Rössern. Selbst ihm hätte man solch eine Leistung zuvor nicht zugetraut. Der König schaute voller Stolz auf ihn. Hübsche Damen winkten ihm zu und beließen ihre Sympathiebekundungen diesmal nicht nur bei ein paar bunten Bändern. Geiselher aber zog sich in seine Gemächer zurück, um sich auf die kommende Nacht vorzubereiten. Ermattet vom Kampf schlief er eine Stunde und hatte einen wilden Traum. Dann rief er Armin, den einzigen Mann, den er zum Freund hatte, zu sich. Er bat ihn, sich an seiner Stelle um Mitternacht in den Raum zu begeben, den Margareta ihm gezeigt hatte. Dort werde er eine Frau antreffen, die er im Dunkeln zwar, aber mit ungezügelter Leidenschaft, in Besitz nehmen könne.
Er selbst schlich durch die verwinkelten Gänge des Schlosses und durch die Parkanlagen, die das Schloss umgaben. Und siehe da, als er seinen Blick zu den Gemächern der Prinzessin Margareta richtete, sah er im dunklen Umriss, wie sie auf ihrem Balkon stand und sich den Nachtwind ums Gesicht wehen ließ.
»Also hatte ich recht mit meinem Verdacht«, sagte er sich und konnte Tränen der Wut und Enttäuschung nicht unterdrücken.
Als er am frühen Morgen ins Schloss zurückkehrte, kam er an dem Zimmer vorbei, in dem er sich mit Margareta hätte treffen sollen. Da sah er gerade noch, wie Josefa, eine der Zofen Margaretas, eiligst durch die Tür schlüpfte.

Am letzten Tag der Feierlichkeiten wagte es Geiselher, den Hofmarschall des Königs herauszufordern. Auch ihn besiegte er. Den Siegeskranz legte er unter dem Raunen der Zuschauer der Zofe Josefa zu Füßen.
Im selben Augenblick drängten sich Wolken am Himmel zusammen und verdunkelten die Turnierwiese. Ein Bote kam angeritten und überbrachte die Nachricht, dass Sebastian, der für Margareta vorgesehene Ehemann, bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen sei. Sogleich fiel die gesamte Hofgesellschaft in Trauer. Nur in Geiselhers Herz keimte neue Hoffnung auf. »Sie wird also hier bleiben müssen, und ich werde sie bekommen, sonst wäre mein Leben vergebens gewesen«, sagte er zu sich selbst.
Das Wehklagen um den toten Prinzen Sebastian wich bald emsiger Betriebsamkeit. König Magnus dachte über die neue Situation nach und schickte Boten in alle Richtungen.

Margareta schien der Tod ihres Verlobten nicht übermäßig getroffen zu haben. Mehr machte sie sich Gedanken darüber, dass Geiselher ihr so demütigend gezeigt, dass er ihren Schwindel durchschaut hatte.
Als dann noch der Vater ihr mitteilte, dass nun Prinz Seppl, ein als unfeiner Rüpel berüchtigter weiterer Sohn Siegfrieds, um ihr Hand anhalten werde, verlor Margareta den Rest an guter Laune. Sie ließ nach Geiselher rufen, umschmeichelte ihn und fand Hunderte von Entschuldigungen für ihr bisheriges Verhalten.
»Nur einen Gefallen sollst du mir noch tun, danach werde ich dir ganz allein gehören«, schwor sie ihm. »Fordere Seppl zum Kampf und besiege ihn.«

So geschah es dann. Seppl flog ins Gras, und Geiselher überreichte Margareta den Siegeskranz. Am Abend schickte sie ihre Zofen zu verschiedenen Besorgungen und wartete auf Geiselher. Als der ihr Schlafgemach betrat, rief sie ihm ZU: »Mein stolzer Prinz, nicht länger sollst du auf deinen Lohn warten müssen. Nimm mich, ich gehöre dir!«
Schnell entkleidete sie sich und trat nackt und schutzlos vor ihn hin. Das entscheidenste aller Turniere konnte beginnen. Doch was war mit ihm? Dort, wo sich bisher immer eine bedrohliche Lanze aufgerichtet hatte, hing jetzt ein mattes weißes Fähnchen.
»Komm, nimm mich«, sagte sie herausfordernd. Er jedoch stand fassungslos da und fühlte seinen Ruhm und seine Ehre aus Hunderten von Turniersiegen entschwinden.
»Enttäuscht es dich, dass jetzt ich vor dir stehe und nicht Josefa?«, fragte sie besorgt. »So wird es wohl sein«, antwortete er, denn einen anderen Grund hätte er nicht nennen können.
In der folgenden Zeit hat er sich auch bei Ritterspielen nicht mehr hervorgetan.


***
Text aus: Der Drachenprinz von Florian Russi, Bertuch Verlag Weimar