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Erbsensoldaten

Florian Russi

Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Goethes Audienz bei Napoleon

Goethes Audienz bei Napoleon

Christine Zinner

„Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nicht Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser zu stehen.“ Dies erklärt Goethe in seiner Rückschau auf die Begegnung mit Napoleon in Erfurt, welche am 2. Oktober 1808 stattfand.

Dabei hätte er auch schon zwei Jahre zuvor, nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 16. Oktober 1806, die Gelegenheit gehabt, Napoleon persönlich zu begegnen. Damals fand ein Conseil statt, an dem neben den beiden anderen Geheimräten Voigt und von Wohlzogen auch der Dichter hätte teilnehmen sollen. Dieser entschuldigte sich jedoch mit einer kleinen Nachricht an Voigt: „In dem schrecklichen Augenblick ergreift mich ein altes Übel. Entschuldigen Sie mein Außenbleiben. Ich weiß kaum, ob ich das Billet fortbringen kann.“ Wahrscheinlich ist, dass Goethe sich nach der Bedrohung durch die Franzosen in seinem Wohnhaus psychisch nicht in der Verfassung sah, an dem Conseil teilzunehmen.

Einen Tag nach der großen Schlacht, am 17. Oktober 1806, wurde Erfurt kampflos von den Franzosen besetzt. Ein Dreivierteljahr später, am 4. August 1807, wurde es durch ein Dekret Napoleons zu einer kaiserlichen Domäne erklärt. Der Kaiser plante 1808 einen Feldzug gegen Spanien, da sein als König eingesetzter Bruder Joseph und die französischen Truppen dort wegen einem Volksaufstand schwere Verluste hatten hinnehmen müssen. Zugleich galt es natürlich seine Stellung im Osten zu erhalten, weshalb zuvor sein Bündnis mit Russland, welches 1807 geschlossen worden war, erneuert werden sollte. Zu diesem Zweck beschlossen Zar Alexander I. und Napoleon sich in Erfurt zu treffen.

Der französische Kaiser selbst hielt am Vormittag des 27. September 1808 in Erfurt Einzug. Noch am selben Tag empfing er den Zar bei Linderbach. Da Erfurt seine Domäne war, konnte er auch den Gastgeber spielen. Schon ab dem nächsten Tag ließ er an jedem Abend des über zweiwöchigen Fürstenkongresses im ehemaligen Ballhaus der Universität ein französisches Theaterstück von den besten Schauspielern der Comédie Frances aufführen. Sogar die Auswahl der Stücke traf er selbst. Diese sollten mit politischen Botschaften hinterlegt werden.

Der Dichterfürst Goethe schien sich am 29. September trotzdem nur mit Widerwillen nach Erfurt begeben zu haben. In seinen Skizzen, die er Jahre später verfasste, heißt es, der Herzog hätte ihn an diesem Tag nach Erfurt berufen und an seine Frau Christiane schrieb er am 4. Oktober: „Eh ich von Erfurt abgehe muß ich dir ein Wort sagen und dir dancken daß du mich herübergetrieben hast. Zum Schauspiel kam ich nicht; aber nachher fügte sich alles zum Besten.“

Wie schon viele Male zuvor bezog Goethe im Geleitshaus Quartier. Er besuchte einige Aufführungen und nahm am 1. Oktober am kaiserlichen Lever teil. Dies bezeichnet einen Morgenempfang, zu dem nur ausgewählte Personen Zutritt hatten. Goethe konnte als ein hoher Beamter daran teilnehmen. Am gleichen Tag wird Napoleon durch Generalsekretär und Minister Maret über Goethes Anwesenheit informiert, woraufhin der Dichter für den nächsten Tag zum Kaiser bestellt wird. Napoleon residierte damals im Palais des ehemaligen Statthalters Dalberg.
Für den Inhalt dieser Audienz gibt es nur drei Quellen: Goethes eigene dürftige Schilderung, die Aufzeichnungen des weimarischen Kanzlers Friedrich von Müller und eine Notizen des französischen Großkanzlers Talleyrand. Obwohl das schriftliche Festhalten dieser Begegnung durch Goethe erst 1824 erfolgte, dürfte wohl seine Skizze als die sicherste Quelle betrachtet werden, denn Talleyrand verarbeitete in seiner Version auch die Niederschrift Müllers, welche wiederum auf Goethes eigene Aussagen zurückgeht.

Goethe zur Audienz bei Napoleon
Goethe zur Audienz bei Napoleon

Laut der Schilderung des Dichters bedeutete ihm am Tage der Audienz ein polnischer Kammerherr zu warten. Dann rief man ihn in das Kabinett des Kaisers, jedoch meldete sich gleichzeitig der Generalintendant des französischen Militärs Daru an und wurde sogleich eingelassen, weshalb Goethe zögerte. Er wurde nochmal gerufen und trat ein. Napoleon saß frühstückend an einem großen, runden Tisch und unterhielt sich mit Daru. Auch Talleyrand war anwesend. Der Kaiser winkte den Dichter zu sich, blickte ihn aufmerksam an und begrüßte ihn mit den Worten „vous êtes un homme“ (übersetzt: „Sie sind ein Mann.“).

Er fragte den damals sechzigjährigen Goethe nach seinem Alter, machte ihm nach dessen Antwort ein Kompliment über sein Äußeres und eine Bemerkung zu seinen Trauerspielen. Goethe antwortete nur das nötigste. Daraufhin ergriff Daru das Wort, lobte Goethes Dichtungen und erwähnte seine Übersetzung des „Mahomet“ von Voltaire. Napoleon aber erklärte dem Dichter, warum er dieses Werk des Philosophen nicht schätzte und brachte dann den „Werther“ zur Sprache. Er machte laut Goethe ein paar richtige Bemerkungen zu verschiedenen Stellen des Werkes und kritisierte anschließend eine, indem er fragte, warum Goethe diese so geschrieben habe. Es sei nicht naturgemäß. Von dieser Bemerkung vergnügt, gab der Dichter Napoleon Recht, jedoch müsse man dem Künstler Kunstgriffe verzeihen, die er mache, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Anschließend kam der Kaiser auf das französische Theater zu sprechen und kritisierte dessen Abweichen von Natur und Wahrheit. Dann unterbrach er das Gespräch, redete wieder mit Daru und dem eintretenden Marschall Soult. Goethe war etwas zurückgetreten. Der Kaiser stand auf und ging zu ihm, um ihm noch einige höfliche Fragen über seinen Familienstand zu stellen und über seine Beziehung zum fürstlichen Haus des Carl August. Durch eine Geste fragte der Dichter schließlich den Kammerherrn, ob er gehen könne, welche dieser bejahte. Daraufhin nahm er Abschied.

„[…] habt Respekt! Napoleon hat in seiner Feldbibliothek was für ein Buch? – Meinen »Werther«!“ soll Goethe Jahre später Eckermann ermahnt haben, als sie sich über Napoleons Strapazen in Ägypten unterhielten. Die Aussage zeugt davon, wie geschmeichelt sich der Dichter von dem Interesse des französischen Kaisers fühlte.
Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass der Gesprächsstoff über den „Werther“ von Untergebenen Napoleons für den Kaiser vorbereitet wurde, da er vorher über Goethe kaum etwas gewusst zu haben schien. Zwar bekam dieser einige Tage nach der Audienz zusammen mit Wieland, dem Arzt Professor Stark und dem Bürgermeister Vogel von Jena, den Orden der französischen Ehrenlegion verliehen, jedoch war das Treffen für Napoleon, anders als für Goethe, wohl nur eine Episode.